Saratow - Astana

12/05/2005

7.943 km ab dem Startpunkt

Wir fahren am Ostermontag von Saratow los. Auf dem Weg nach Samara halten wir in der Nähe eines Sees, wo ein sympathischer Bulle riesige, saftige Schaschlik, grillt, die in dieser Region weit verbreiteten Fleischspießchen.

Satt und zufrieden steigen wir wieder ins Auto, aber – als gäbe es ein geheimnisvolles Gesetz des Ausgleichs – geben die Bremsen nach wenigen Kilometern erneut ihren Geist auf. Es ist unmöglich auf diesem Straßenabschnitt anzuhalten, und so fahren wir langsam weiter bis wir gegen Abend einen großgewachsenen Usbeken treffen, der etwa hundert Kilometer von Toljatti eine Art Motel betreibt und uns eine Werkstatt an der Straße zeigt. Am folgenden Morgen folgen wir seinen Hinweisen, doch der Empfang des Mechanikers ist nicht gerade ermunternd: er zuckt mit den Schultern, beichtet, nichts von dem Ganzen zu verstehen und empfiehlt uns, eine Spezialwerkstatt aufzusuchen… aber wo?!

Wir fahren also weiter und halten an jeder Werkstatt, die wir finden, erhalten aber immer nur dieselben Antworten. Nach zahlreichen Kilometern wird das Fahren unmöglich und so beschließen wir, selbst Hand anzulegen. Mit der Gebrauchsanleitung des Cinquino in der Hand, versuchen wir, uns an die Handgriffe des türkischen Mechanikers aus Saratow zu erinnern, und nehmen eine Säuberung aller vier Bremsscheiben vor. Wir verbringen zwei Stunden mit den Händen voller Motoröl, doch schließlich funktionieren die Bremsen wieder –, nicht so gut wie vorher, aber sie funktionieren!

Am Abend erreichen wir Samara, nachdem wir uns sogar verfahren haben als wir einer nagelneuen Straße folgen, die sich leider mitten in den Feldern in Nichts auflöste. Wir haben gerade noch Zeit für einen Spaziergang am Ufer der Wolga, über der ein unvergesslicher Sonnenuntergang aufflammt, dann gibt es Abendessen, bestehend aus Schaschlik und Bier.

Die Suche nach der Ausfahrt aus Samara beschäftigt uns mehr als eineinhalb Stunden. Das Fehlen jeglicher Hinweisschilder in einer Stadt mit eineinhalb Millionen Einwohnern kann daraus ein wirklich zermürbendes Unterfangen machen. Wir schlagen den Weg nach Ufaein, einer für Ausländer ehemals gesperrten Stadt, heute Hauptstadt der Republik Baschkortostan, einem semiautonomen Staat in der Russischen Föderation, der zum Großteil von Tataren und Baschkiren bewohnt wird. Die Straße ist, obwohl es sich um die M5 handelt, mühsam und holprig. Wir durchqueren die Republik Tatarstan und müssen uns an einer Art Grenzposten registrieren lassen.

Die Freunde aus Ufa

Nachdem wir eine Zeitzone von zwei Stunden überbrückt haben, erreichen wir Ufa als es bereits Nacht ist. Als wir nach einem preiswerten Hotel fragen, lernen wir Viktor und Ruslan kennen, die uns bis zu einem Hotel im Zentrum begleiten. Ihre Freundlichkeit geht sogar so weit, dass wir trotz der späten Stunde zuerst ein Bier vorgesetzt bekommen, uns dann bei Viktor zuhause mit Wodka zuprosten und es schließlich erst um vier Uhr morgens schaffen, ins Hotel zu gehen; und auch das erst, nachdem wir versprochen haben, uns am darauf folgenden Tag wieder zu sehen. Den darauf folgenden Abend verbringen wir bei Timur und Olga, einem frisch verheirateten, mit Viktor befreundeten Ehepaar, und einer Unmenge anderer Freunde, deren Namen wir uns niemals merken werden. Bier, Wodka und geräucherter Fisch sowie Hunde und Katzen, die durch das Haus streichen, machen einen angenehmen Abend daraus, und so verfliegen die Stunden bis zum Morgen.

Wir betreten Asien…

Wir fahren sehr spät aus Ufa ab und kommen spät in Tscheljabinsk an. Wir überqueren den Ural endgültig und reisen offiziell in Asien ein! Als wir für einen Abendspaziergang aus dem Hotel treten, lernen wir Andrey und Elena kennen, junge Leute aus gutem Hause mit perfekten Englischkenntnissen und voll der üblichen Gastfreundschaft. Aus einer einfachen Auskunft werden ein Treffen bei ihrem Freund Dima und dann unser erster Diskobesuch in Russland.

Am darauf folgenden Abend legen wir in Kurgan einen Halt ein, um uns dann der Grenze nach Kasachstan zu nähern. Die Grenzüberschreitung ist ein verheerendes Erlebnis: zuerst ist der Pass nicht in Ordnung, dann wird er als gültig erklärt, aber wir dürfen nicht mit dem Auto einfahren; dann wiederum würden 200 Euro reichen, um alles in Ordnung zu bringen. Wir bleiben standhaft und kommen davon, indem wir den habgierigen Zollbeamten zwei Rucksäcke schenken, die wir von Fiat erhalten haben, und aus denen wir uns nichts machen!

Wir erreichen Petropawlowsk rechtzeitig, um den Feierlichkeiten des 9. Mai beizuwohnen. Am Montag wird hier nämlich der sechzigste Jahrestag der Schlacht um Stalingrad (heute Wolgograd) gefeiert, die hier in apologetischem Ton „Der Tag des Sieges“ genannt wird. Den darauf folgenden Tag opfern wir dem wiederholten Versuch, ins Internet zu kommen und unser Reisetagebuch zu aktualisieren. Wir finden heraus, dass es im Business Centre keine Verbindung gibt und in der Post keinen Strom, und nachdem wir nach aufreibenden Verhandlungen erreicht haben, die superlangsame Verbindung einer öffentlichen Bibliothek nutzen zu dürfen, schaffen wir es gerade noch, einige E-Mails zu checken bevor die Verbindung endgültig abbricht.

Jetzt sind wir in Astana, seit 1997 die Hauptstadt von Kasachstan und, kaum mehr als ein Städtchen im Wiederaufbau, in dem zwischen den baufälligen Häusern der Vororte neue, durch die Gewinne aus dem Erdölhandel finanzierte Gebäude aus Glas sprießen. Hier atmet man, im Gegensatz zu Petropawlowsk, das einen stark russischen Einschlag hat, bereits einen Hauch Asien mit einer Mischung aus mongolischen und turkmenischen Einflüssen ein.

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