Kiew - Saratow

01/05/2005

5.933 km seit Bari

Am Montagabend, dem 25. April, erreichen wir Charkiw. Auf den Straßen die stets gern gesehenen strahlenden Gesichter und Grüße von anderen Autofahrern. Bei unserer Ankunft ist ein Großteil der Stadt dunkel und die Straßen sind sehr holprig, aber auf den wenigen noch belebten Straßen im Zentrum fühlen wir uns gleich wohl.

Am nächsten Morgen, nach einem Pflichtbesuch der berühmten Technischen Hochschule, die noch immer vom strengen Blick Lenins bewacht wird –,der ironischerweise jedoch umrahmt wird von Karussells und illegalen Geldwechslern –, fahren wir an Bord unseres Cinquino weiter in Richtung Luhansk, unserer letzten Etappe mit Übernachtung vor der russischen Grenze.

Auf der Straße mit einer etwas besseren Asphaltdecke, urplötzlich die Tragödie: der Motor verstummt und der Cinquino bleibt auf einer leichten Steigung stehen. Doch dank der Schulungen von Nicola und Gaetano (unseren Mechanikern, die uns noch immer auch via SMS beistehen) stellen wir fest, dass es sich um ein elektrisches Problem handelt und wechseln in dieser Reihenfolge: Kondensator, Spule und Platinkontakt –, jedoch ohne Erfolg. An diesem Punkt angelangt, erklären wir uns, beim Schein der Taschenlampe und in zunehmender Kälte, offiziell als verzweifelt.

Doch wie so oft, zeigt sich just im Moment der größten Verzweiflung die wahre Größe des menschlichen Geistes… uups! Der Hebel des Motortrenners befindet sich exakt über den Füßen des Beifahrers, und es ist wirklich ein Leichtes, ihn unbeabsichtigt zu verstellen! Das Ergebnis: ein Klick reichte, um aus tiefster Verzweiflung heraus in Freudentränen auszubrechen. Und die zwei Stunden vergeudete Zeit: Was soll’s!

Wir erreichen also mitten in der Nacht Luhansk, wo wir im wahrsten Sinn des Wortes von zwei sympathischen jungen Leuten entführt werden, die uns helfen, ein preiswertes Hotel und einen sicheren Parkplatz zu finden, und uns dann in ihrem Auto herumkutschieren; mit russischem Techno-Pop auf höchster Lautstärke.

Mutter Russland

Am Morgen erreichen wir die Grenze. Nachdem wir den ukrainischen Kontrollposten hinter uns gelassen haben, finden wir uns ganz plötzlich mitten im Russland der absurden Bürokratie und Korruption wieder. Die nicht enden wollenden fünf Stunden Wartezeit sind gekennzeichnet von immer wiederkehrenden und unverschämten Geldforderungen. Ausgelaugt, aber mit intakter Geldbörse, schaffen wir gerade noch einige Kilometer vor Einbruch der Dunkelheit, bei einem Schnitt von 20 Stundenkilometern und im Zickzack zwischen den kratergroßen Schlaglöchern.

Die Nacht verbringen wir in einem Motel. Ein Russe dort wechselt uns erst illegal zwanzig Euro, spendiert uns dann eine Runde Wodka und versucht schließlich, uns Geld abzuknöpfen, indem er damit droht, die Polizei über den illegalen Geldwechsel zu informieren. Die Pförtnerin des Motels rettet uns, unterstützt von einem kräftigen Kerl, dessen Blick allein bereits genügt, um den Typen ruhig zu stellen.

Am nächsten Morgen machen wir die Bekanntschaft eines sympathischen Franzosen, der mit seinem Fahrrad von Marseille nach Vietnam unterwegs ist: Gruppenfoto mit Fahrrad und Cinquino und Glückwünsche für beide.

Wir erreichen Wolgograd gegen drei Uhr Nachmittags. Es regnet seit mehreren Stunden und es ist kalt, aber seit langem hegen wir den Wunsch, unsere Hände in die majestätische Wolga einzutauchen. Dieses Jahr feiert die Stadt den sechzigsten Jahrestag der Schlacht von Stalingrad und überall hängen Transparente, die den Sieg bejubeln. Das eigentliche Symbol der Stadt ist eine majestätische, siebzig Meter hohe Statue von Mutter Russland, die ein weitere elf Meter langes Schwert schwingt. Trotz der übertriebenen, kolossalen Ausmaße erscheint die Figur dynamisch und harmonisch.

Die neue Route

Am Abend im Hotel überdenken wir die Route, die wir uns vorgenommen haben, und beschließen, nur noch auf den Hauptstraßen zu fahren, die sich in einem gerade noch passablen Zustand befinden. Wir werden nicht mehr nach Astrachan fahren, sondern entlang der Wolga in Richtung Norden. Wir werden Saratow, Samara, Ufa und Tscheljabinsk passieren und bei Petropawlowsk nach Kasachstan einreisen. Vorgestern erreichten wir Saratow, von wo wir gerade schreiben, mit der Absicht, uns einen Tag lang zu entspannen.

Saratow

Eine Ankunft mit Knalleffekt! Ein furchterregender Abgrund, der ein Foto verdient hat, verschlingt den Cinquino beinahe und beschert ihm die erste Niederlage, da sich eine Muffe der Bremsen löste. Nachdem die Orthodoxen heute Ostern feiern und sämtliche Werkstätten geschlossen sind, erklären wir uns erneut offiziell ratlos.

Schließlich machen wir uns auf die Suche nach einer Werkstatt, aber der Cinquino bremst überhaupt nicht mehr. Betrübt und niedergeschlagen fahren wir wieder in Richtung Hotel zurück und bremsen dabei mit der Handbremse, als wir am Straßenrand zufällig die vielleicht einzige offene Werkstatt der Stadt finden. Sie wird von einer türkischen Familie geführt, die natürlich heute nicht Ostern feiert. Der Schaden scheint bald behoben, sodass wir am nächsten Tag unsere Reise in Richtung Samara wieder aufnehmen können.

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