Tschita - Chabarowsk
27/06/2005
14.547 km vom Startpunkt
Wir verlassen Tschita am Morgen und nach etwa achtzig Kilometern auch den Asphalt: Es beginnen die 2.400 Kilometer Schotterstraße, von denen man uns erzählt hat. Bis vor einem Jahr war es unmöglich, Russland von der einen zur anderen Seite per Auto zu durchqueren. Wer dieselbe Route vor uns fahren wollte, der musste sein Auto auf die Bahn laden, um dieses Stück zu bewältigen. Heute ist es möglich, und zwar deshalb, weil die Straßenarbeiten begonnen haben, für eine Straße, die vielleicht in vielen Jahren fertig gestellt wird.
Wir müssen unser Tempo sofort an die Straßenverhältnisse anpassen; sind jedoch fest entschlossen zu fahren bis kein Licht mehr zu sehen ist und dann unser Zelt aufzuschlagen. Als die Sonne beginnt unterzugehen, finden wir im umliegenden Gebiet keine guten Stellen zum Campen, an denen wir das Auto verstecken könnten, sodass wir etwas beunruhigt beschließen, die Nacht durchzufahren. Nach einigen Stunden halten wir hundemüde an einem Café an der Straße, um einen Tee zu trinken und… Überraschung, in einem angrenzenden Zimmer gibt es sieben Betten, sodass wir die Nacht dort verbringen können.
Am folgenden Tag sehen wir keinen Schimmer Asphalt; auf Teilstücken sieht es wirklich so aus, als würde die Straße verschwinden und wir müssen Umleitungen folgen, die über große, spitze Steine führen: wir sehen sehr viele Autos mit zerfetzten Reifen am „Straßenrand“ stehen. Es ist sehr heiß. Nach vielen Stunden Fahrt bemerken wir, dass die ständigen Vibrationen ein Scharnier an der Motorhaube gelöst haben. An diesem Tag gibt es jedoch noch mehr Überraschungen: ein in der Riemenscheibe der Lichtmaschine eingeklemmtes Steinchen hat den Riemen zerrissen, und so sind wir gezwungen einen Halt einzulegen, um ihn durch einen mitgebrachten neuen Riemen zu ersetzen.
In einem Café an der Straße wird uns ein Hotel genannt, das sich hundert Kilometer weiter befindet. Wir fahren im Dunklen weiter und erreichen mitten in der Nacht ein Dörfchen. Glücklicherweise stoßen wir auf Sergej, einen Bahnmitarbeiter, der im Urlaub ist und in seiner Garage herumhantiert. Er begleitet uns zum Hotel, nachdem er uns den Cinquino im Hof seiner Datscha parken ließ. Am darauf folgenden Morgen holt er uns sogar um neun Uhr im Hotel ab, das in Wirklichkeit das Gästehaus der Eisenbahner ist. Wir verbringen den Vormittag mit Sergej und seinem Vater, die zuerst das Scharnier an der Motorhaube wieder anschweißen und uns dann noch den Wagenheber reparieren, der, wie wir aus purem Zufall bemerken, auch kaputt ist (zum Glück hatten wir in den vergangenen Tagen keine Reifenpanne!). Wir verabschieden uns und nehmen unsere Fahrt über die Steine wieder auf: Tankstellen sind rar gesät und so müssen wir auf alle Benzinkanister zurückgreifen, die wir haben.
Nachts in Magdagatschi
Wir erreichen Magdagatschi wieder einmal im Dunkeln, schlafen im einzigen kleinen Hotel des Dorfes und parken den Cinquino vor einem nahe gelegenen Krankenhaus. Am darauf folgenden Tag wieder Schotterstraße; die Müdigkeit häuft sich an (die Betten, in denen wir schlafen, bestehen oft aus Brettern mit wenigen Zentimeter dicken Matratzen) und wir sind voller Staub bis in die Haare. Auch das Auto scheint jeden Tag mehr unter dem Stress zu leiden: wir verlieren aufgrund der Vibrationen ständig den Gepäckträger, bis wir ihn mit einem auf der Straße gefundenen Luftschlauch reparieren. Es fehlt nicht viel und wir hätten sogar den Auspuff verloren: Wir müssen sämtliche Schrauben anziehen, die sich gelockert haben.
Wir sind fast die Einzigen, die nach Osten fahren, aber aus dieser Richtung reißt der Strom gebrauchter japanischer Autos seit Tagen nicht ab. Das ist das neue Business in diesen Gegenden: nach Wladiwostok fahren, aus Japan importierte Autos kaufen (sie haben das Lenkrad auf der rechten Seite und kosten fast die Hälfte) und sie in Russland weiter verkaufen.
Gegen Abend erreichen wir das Städtchen Schimanowsk, wo der Asphalt wieder anfangen soll. Ein UAZ-Wagen der Polizei begleitet uns bis zur Herberge des Bahnhofs und lässt uns den Cinquino sogar in der Kaserne parken: alles echt unglaublich, aber es ist nur noch eine Stunde bis unsere Visa ablaufen und wir befinden uns direkt in der Höhle des Löwen! Wir wissen nicht genau, ob sie es nicht bemerken oder ob sie nur so tun als würden sie es nicht sehen; auf jeden Fall holen wir am folgenden Tag das Auto in der Kaserne ab und machen uns so schnell wie möglich aus dem Staub!
Nach vier Tagen fürchterlicher Schotterstraße und einem Schnitt von 20-30 Stundenkilometern fängt der Asphalt wieder an. Man empfiehlt uns, einen siebzig Kilometer längeren Weg einzuschlagen und an Blagoweschtschensk vorbei zu fahren, um die Abschnitte mit Straßenarbeiten entlang der M57 zu vermeiden. Das Städtchen am Amur ist ein surrealer Ort. Der majestätische Fluss kennzeichnet über mehrere Tausend Kilometer die Grenze zu China, und auf der anderen Uferseite, nur wenige hundert Meter entfernt, ist die chinesische Stadt Heihe so nahe, dass man die Einwohner am Fluss erkennen kann. Es sind zwei Welten, die sich gegenüber stehen: dort Asien, hier – von einem ethnischen und kulturellen Standpunkt betrachtet – noch Europa.
Wir folgen nach wie vor den Nebenstraßen mit einwandfreiem Asphalt, aber sobald wir uns wieder auf die Hauptstraße begeben, finden wir erneut zweihundert Kilometer Schotterstraße vor. Wir schaffen es nicht, Birobidschan zu erreichen und halten an einem Motel an der Straße. Erst am folgenden Tag erreichen wir das Städtchen, das die Hauptstadt der Autonomen Jüdischen Region ist, und das einem Projekt Stalins entsprungen war. Heute gehören nur zwei Prozent der Einwohner der jüdischen Religion an und die einzigen Zeichen ihrer Anwesenheit sind eine hebräische Inschrift am Stadteingang, eine Synagoge und ein hebräisches Kulturzentrum, in dem scheinbar die weltweit einzige jiddische Tageszeitung herausgegeben wird.
Als wir in Chabarowsk ankommen, fühlen wir uns wie Karawanenführer in einer Oase. Seit Tschita ist Chabarowsk nach mehr als 2.000 Kilometern und vier Tagen staubiger Schotterstraße die erste richtige Stadt. Wir überqueren die vier Kilometer lange, vor nur fünf Jahren errichtete Brücke über den Amur (früher konnte man ihn nur mittels Fähre oder Zug überqueren). Chabarowsk versprüht noch immer den Charme vergangenen Prunkes, sie ist reich an herrschaftlichen Gebäuden vom Beginn des 20. Jahrhunderts, die Zeichen des Reichtums des örtlichen Bürgertums vor Ankunft der Bolschewiken drei Jahre nach der Oktoberrevolution sind.
Wir nisten uns in einem kleinen Hotel ein, und nehmen unsere Bemühungen wieder auf, das Visum im chinesischen Konsulat zu verlängern, aber von hier die chinesische Grenze zu überschreiten, scheinen aussichtslos. Der Konsul lässt uns wissen, dass er uns die Genehmigungen auf keinen Fall erteilen wird, und so bleibt uns nur eine allerletzte Möglichkeit: weiterfahren bis nach Wladiwostok und dort hoffen, den Cinquino auf ein Cargo-Schiff verladen zu können, um so das Einreiseverbot auf dem Landweg zu umgehen. Wir nehmen Kontakt mit den Betriebsleitern von Fiat China auf, die uns versprechen, alles zu tun, um uns zu helfen. Wir werden sehen!
















Oben